Braucht man einen Studienabschluss, um Journalist:in zu werden? Immer mehr Unis und Fachhochschulen bieten Studienangebote für Journalismus oder „Irgendwas mit Medien“ an – mit rar gesäten Platzen und oft schwer leistbaren Studiengebühren. Der Einstieg in den Journalismus wirkt für viele Anfänger:innen so: Schulabschluss, Studium und etliche Praktika. Doch was, wenn man all diese Schritte überspringt und sich gleich in die Medienwelt stürzt? Vier Journalistinnen erzählen, wie sie es ohne Studium in den Journalismus geschafft haben.

Cordula ist 48 Jahre alt und nun seit bereits 25 Jahren im Business. Journalistin wollte sie werden, seitdem sie denken kann, doch studieren stand bei ihr nie zur Debatte. Zu ihrer Zeit als Schülerin hat man für ein Journalistik-Studium das große Latinum gebraucht und das hatte sie in ihrer Schule nicht. Daher beschloss sie eine Lehre zur Verlagskauffrau zu machen. Als Verlagskauffrau war sie primär dafür verantwortlich, Werbeanzeigen zu schalten und Werbepartner:innen zu finden. Sie arbeitete eng mit den Redakteur:innen des Magazins zusammen und übernahm oft PR- und Pressearbeit im Verlag. Sie träumte allerdings schon damals davon, redaktionell mitzuarbeiten.

Als sie eines Tages in der Früh in der Arbeit am Schwarzen Brett eine noch interne Stellenausschreibung für ein zweijähriges Volontariat sah, wusste sie: Das ist ihr Job. Daher hinterließ sie ihrem Chef eine Notiz: „Darf ich den Job machen? Der jetzige Volontariant kennt mich und meint, ich wäre gut genug“. Darunter standen drei Kästchen zum Ankreuzen: Ja / Nein / Vielleicht. Und wie der Zufall es wollte, hat ihr Chef das „Ja“ angekreuzt: „Ich wusste, er ist faul“, so Cordula.

Am letzten Tag ihres Volontariats kündigte überraschenderweise die Chefredakteurin des Magazins. Cordula wusste gleich: Was war ihre Chance endgültig in den Journalismus zu kommen. Chance und größte Herausforderung zugleich: Sie musste Anfang Zwanzig ein 64-seitiges Magazin alleine produzieren. Angst hatte Cordula damals nicht, dafür hatte sie allerdings auch keine Zeit. Sie war alleine und selbstbewusst und wusste, dass sie es schaffen kann. Diese hat sie Aufgabe gemeistert und wurde von der Volontärin zur Chefredakteurin aufgestuft. Und das alles ohne journalistisches Studium. In der Zeit danach arbeitete sie in verschiedenen Verlagshäusern von Magazinen, später hat sie sich als als freie Journalistin selbstständig gemacht und arbeitet bis heute freiberuflich. Cordula ist nicht den klassischen Weg gegangen und hat dennoch ein Vierteljahrhundert erfolgreich in Redaktionen gearbeitet. Heute unterstützt sie andere Freie und angehende Journos dabei, ihren Weg zu finden. Und das vor allem, weil sie sich einmal so richtig getraut hat.

Darf ich den Job machen? Der jetzige Volontariant kennt mich und meint, ich wäre gut genug

Aus der Bank in den Journalismus: Hürde oder Stärke?

Während Cordula bereits in der Medienbranche tätig war, ist die 30-jährige Susanne aus einer komplett anderen Branche in den Journalismus gewechselt. Susanne kommt aus Bregenz und hat letztes Jahr nachdem sie zehn Jahre bei einer Bank gearbeitet hat, beschlossen es im Journalismus zu probieren. Nach ihrer Matura auf einer Wirtschaftsfachschule wollte sie gleich Arbeiten gehen und hat bei einer Bank begonnen. Obwohl ihr der Job viel Spaß gemacht, wusste sie: Es ist nicht das Wahre. „Ich hatte schon immer eine Leidenschaft für’s Schreiben und wollte es mal versuchen“, so Susanne. Daher hat sie ein berufsbegleitendes Journalismuskolleg am Kuratorium für Journalist:innenausbildung in Salzburg absolviert. Bereits zwei Tage nach Beginn ihres Kurses war sie sich sicher, dass sie im Journalismus richtig war. Noch während ihrer Ausbildung kündigte sie in der Bank, bewarb sich bei den Vorarlberger Nachrichten, um ein Volontariat und hat die Stelle begonnen. Dank ihren Erfahrungen in der Bank schreibt sie nun viel für die Wirtschaftsredaktion. Susanne findet, dass man seinen anderen Background als Vorteil anstatt eher als Nachteil sehen sollte. Ihr kommt vor, als wären Menschen mit verschiedenen beruflichen Erfahrungen im Journalismus gerade besonders gefragt, denn: „Sie haben nicht alle denselben Lebenslauf“. 

Ich hatte schon immer eine Leidenschaft für’s Schreiben und wollte es mal versuchen

Die 23 Jährige Larissa aus Oberkärnten sieht das auch so. Nachdem die Journalistin ihre Schule abgeschlossen hatte, machte sie eine Lehre zur Buch- und Medienwirtschafterin. Für Schreiben hat sie sich schon lange interessiert, sodass sie nach ihrem Schulabschluss ihren Blog laxobu.at startete, auf dem sie über ihr persönliches Leben und viele Tabuthemen wie Rassismus oder Liebeskummer schreibt, über die ihrer Meinung nach zu oft geschwiegen wird. Nach ihrer Lehrabschlussprüfung zog die heute 23-Jährige nach Frankreich. Zu der Zeit wurde Futter – das Jugendmagazin von der Kleinen Zeitung auf sie aufmerksam und machte ihr das Angebot, als freie Redakteurin zu  schreiben. Dank ihres eigenen Blogs hatte sie zu der Zeit schon einige Texte veröffentlicht. Die Veröffentlichungen auf Blog, der damals schon einige Leser:innen hatte, waren ausschlaggebend für das Angebot von dem Magazin. Sie nahm es an und merkte bald, dass sie endlich in ihrem Element angekommen ist. Zurück in Österreich kam auch ein Jobangebot einer anderen Bundesländerzeitung, dies lehnte sie jedoch ab, weil es zu schlecht bezahlt war. „Ich war schockiert. Ich dachte ich würde in meinem Lehrberuf schon wenig verdienen“, so Larissa. Einige Bewerbungen später bekam sie eine Stelle in der Redaktion von den Regionalmedien Kärnten.  Bis heute ist sie verantwortliche Redakteurin für ihren Heimatbezirk Spittal. Den Blog laxobu führt sie noch und ist nebenbei auf Instagram unter dem Namen @laxobu aktiv und teilt immer wieder ihre Gedanken zu gesellschaftspolitischen Themen mit ihren fast 3000 Follower:innen.

Credits: Moser

Studieren muss man sich leisten können

Obwohl Larissa schon immer wusste, sie will Journalistin werden, wollte sie nicht studieren: „Zum Studieren braucht man Geld. Das müssen meistens die Eltern finanzieren und das wollte ich nie“, so die 23-Jährige. Sie findet es nicht unmöglich ohne Studium in den Journalismus einzusteigen, doch es kann mit Sicherheit auch eine Hürde sein. Zwei Jobs bei größeren Zeitungen hat sie genau deshalb nicht bekommen. “Letztendlich wurde mir gesagt, dass das Studium bei der engeren Auswahl doch ausschlaggebend war”, so Larissa. Doch sie bewarb sich weiter und hat es trotz fehlendem Studiums und mit etwas Glück bei dem Regionalblatt ihres Bezirks geschafft.

Zum Studieren braucht man Geld. Das müssen meistens die Eltern finanzieren und das wollte ich nie

Doch sie hat das Studium nicht ganz aufgegeben. Mit dem Selbsterhalterstipendium – bei dem sie monatlich finanzielle Unterstützung als Studentin bekommen würde, weil sie bereits fünf Jahre gearbeitet hat, kann sie sich doch noch vorstellen und es leisten, berufsbegleitend zu studieren

Learning by doing

Eine ähnliche Biografie hat auch die Lokaljournalistin Elisa. Sie kommt aus einer Kleinstadt in Thüringen und wusste, nachdem sie mit 14 ein Schulpraktikum bei einem lokalen Anzeigenblatt gemacht hat, im Journalismus ist sie richtig. Nach ihrem Praktikum schrieb sie als freie Mitarbeiterin für das Lokalblatt. Zwar hatte sie sich nach ihrem Schulabschluss an verschiedenen Journalismusschulen beworben, genommen wurde sie aber bei keiner. Daher beschloss sie, erstmals praktische Erfahrung zu sammeln und bewarb sich um ein Volontariat bei verschiedenen Regionalzeitungen. Doch das war nicht besonders einfach: „Für viele Stellen konnte ich mich gar nicht bewerben, weil da ein Studium Voraussetzung war“, erzählt die 22-Jährige.

Nach vielen Bewerbungen hat sie letztendlich doch ein Volontariat bekommen hat und mittlerweile bei einer anderen Lokalzeitung in der Qualitätssicherung arbeitet. Ausschlaggebend dafür war, dass sie in ihrem jungen Alter so viel  bisherige Berufserfahrung als freie Redakteurin und Praktikantin sammeln konnte. Sie lektoriert Artikel, prüft die Fakten und gibt den Redakteur:innen Feedback zu ihren Texten und ist stattdessen weniger in der Redaktion selbst involviert. Sie sorgt stattdessen dafür, dass die Artikel der Redakteur:innen fehlerfrei und faktenbasiert sind. Ihr macht auch dieser Job viel Spaß, doch sie weiß, dass sie viel Glück hatte, mit 22 überhaupt in diese Position.

Für viele Stellen konnte ich mich gar nicht bewerben, weil da ein Studium Voraussetzung war

„Ich schätze das learning by doing sehr. Ich glaube die Erfahrung, die ich bisher gesammelt habe, finde ich so schnell in keiner Journalismusschule“, so Elisa. Ganz abgeschrieben hat sie das Journalismusstudium jedoch nicht: Genauso wie Larissa könnte auch sie sich vorstellen, dieses berufsbegleitend nachzuholen. Ihr hat das Lernen immer schon Spaß gemacht und sie möchte mehr über die Theorie hinter ihrer Praxis erlernen und hofft außerdem, in Zukunft mit ihrer Beruferfahrung auf bessere Aufnahmechancen auf den Journalismusschulen.

Mutig sein und zeigen: ich kann das!

Keine der Journalistinnen würde es – wenn sie könnte nochmal anders machen. Gut schreiben zu können, neugierig zu sein und gerne mit Menschen zusammenarbeiten. Diese Sachen muss ein:e jede:r Journalist:in erfüllen. Journalismus ist ein Handwerk, dass man entweder im Studium erlernt, oder sich mit Erfahrung, die man in seinem Beruf sammelt, aneignet. Wie man man den Quereinsteigerinnen merkt, ist es ratsam, viel zu schreiben und zu publizieren – wie Larissa auf einem Blog oder in kleinen Magazinen und sich früh ein Portfolio aufzubauen. Was die Journalistinnen anderen in ihren Positionen raten würden, ist sich vor allem bei Lokalmedien zu bewerben.

Cordula, Susanne, Larissa und Elisa haben es auch ohne ein Studium in den Journalismus geschafft. Und sie finden: Jede:r kann es schaffen, man muss sich nur sehr bemühen. “Die größten Hürden habe ich mir selbst gestellt” Susanne resümiert:  “Ich habe lange gebraucht bis ich meinen Background als Asset, anstatt als Hürde gesehen habe”. Als Einsteiger:in – egal ob frisch vom Journalismusstudium, von der Schule oder einem ganz anderen Bereich muss sich vor allem am Anfang verschiedenen Herausforderungen stellen. Daher ist besonders wichtig, sich gegenseitig zu unterstützen und untereinander zu connecten. Denn zusammen ist man immer stärker!

Wie siehst du das? Kann man auch ohne ein Studium in den Journalismus einsteigen? Lass es mich wissen und schreib‘ mir eine Mail an natalia@medien-geil.at oder eine DM auf Instagram an @medien.geil.