Grafik: Manon Soukup

Matura, Studieren, Praktika absolvieren und irgendwann Fuß in einer Redaktion fassen. So sieht der Karriereweg vieler Journalist:innen aus. Doch immer mehr Quereinsteiger:innen, also Menschen die zuvor oft ganz andere Karrierepläne hatten, finden auch ihren Platz in der Medienwelt. Wie die ungewöhnlichen Umstiege in die Medien funktionieren erzählen Milica, Theresa und Anne – drei Quereinsteigerinnen und Journalistinnen mit Herzblut.

„Ich kann ja gar nicht Journalistin werden, ich habe nur einen Hauptschulabschluss“ – dieser Gedanke schoss der 25-jährigen Milica Joskić als erstes durch den Kopf, als sie überlegte, in die Medienbranche einzusteigen. Milica war seit Jahren schon voll im Arbeitsleben – viel länger, als die meisten, die den Journalismus als ersten Karriereweg einschlagen. Studium und Praktika fielen bei Milica weg: Die Stuttgarterin mit bosnischen Wurzeln machte nach ihrem Hauptschulabschluss zuerst eine Ausbildung zur Kinderpflegerin und Erzieherin. Milica war seit ihrem 17. Lebensjahr im Kindergarten fix im Arbeitsleben integriert – bis sie sich dazu entschloss, ihren Job hinzuschmeißen und Journalistin zu werden. Der Grund? Milica entwickelte im Alter von 25 die ersten Burnout-Symptome. „ Die Leute stellen sich den Job im Kindergarten immer so einfach vor. Man denkt, dass wir nur mit den Kindern spielen. Aber dem ist nicht so. Der Job im Kindergarten ist anstrengend – sowohl körperlich, als auch psychisch. Man muss sich schließlich um viele kleine Kinder auf einmal kümmern und die auch sinnvoll beschäftigen – und das alles meist unterbesetzt.“

Durch den Corona-Lockdown hatte Milica Mitte 2020 zum ersten Mal Zeit, darüber nachzudenken, was sie in Zukunft mit ihrem Leben anfangen will. Der Job im Kindergarten hat ihr schon lange zu schaffen gemacht und sie wusste, dass es so nicht weitergehen kann. Durch Zufall ist sie auf die Praktikumsausschreibung des Wiener Magazins BIBER gestoßen.

Milica bekam den Praktikumsplatz, kündigte ihre Stelle im Kindergarten und zog im September 2020 für zwei Monate nach Wien. Obwohl sie kurz vor ihrem Umzug immer wieder an ihr selbst und an ihrem Können zweifelte, fühlte sie sich im Praktikum sofort angenommen. „Oft habe ich gemerkt, dass mir doch einiges an Journalismus-Basics gefehlt hat, doch ich habe nie eine Sonderbehandlung bekommen“, so Milica.

„Stein vom Herzen gefallen“

Das Praktikum war ihre endgültige Bestätigung, im Journalismus richtig zu sein. Milica bereut ihren Umstieg nicht, sie würde es genauso wieder machen. 

Gerade ist die Stuttgarterin auf der Suche nach einem Folgepraktikum und möchte ab Herbst anfangen, zu studieren. Politikwissenschaften oder Soziologie – endgültig entschieden hat sie sich noch nicht. 

„Nie in den Journalismus getraut“

Theresa Maier (Anm.: Name geändert) ist 37 Jahre alt und gerade mitten in ihrem Quereinstieg in den Journalismus. Die gebürtige Kärntnerin hat schon während ihres Politikwissenschaftsstudiums an der Universität Wien vom Journalismus geträumt. Doch obwohl sie bereits in ihrer Studienzeit für die Radiosender Radio Orange und Radio Afrika nebenbei gejobbt hat, hat sie sich nie getraut, im Journalismus richtig Fuß zu fassen. Sie hätte nie gedacht, dass sie damit hauptberuflich Geld machen kann.

Bald nach Abschluss ihres Studiums wurde Theresa schwanger. „Ab diesem Moment musste ich erstmals ans Geldverdienen denken. Da gab es keine Möglichkeit mehr, un- oder schlecht bezahlte Journalismuspraktika absolvieren zu können“, so Theresa. Mit dem Zuwachs in ihrer Familie wuchs somit auch die Verantwortung und Theresa bekam eine Anstellung als Referentin im Magistrat der Stadt Wien. Obwohl die Wahlwienerin in ihrem neuen Job auch viel schreiben konnte, verspürte sie immer wieder das Verlangen danach, kritisch und journalistisch zu arbeiten.

Im Rahmen einer medienpädagogischen Ausbildung in ihrer Arbeit bei der Stadt Wien organisierte Theresa einen Videojournalismus-Workshop für junge Mädchen. Eine Cutterin des ORF war als Gästin eingeladen und half Theresa und ihrer Gruppe dabei, ihr eigenes Videoprojekt auf die Beine zu stellen. Durch diesen Workshop begann Theresa erstmals wieder vom Journalismus zu träumen. Kurze Zeit später hat sie sich für den berufsbegleitenden Master Journalismus und Neue Medien an der FH Wien beworben und wurde genommen.

Die Angst zu scheitern

Nun ist Theresa im letzten Semester, besonders viel journalistische Arbeitserfahrung konnte sie aufgrund der Corona-Krise jedoch noch nicht sammeln. Im Sommer möchte sie mit ihrer Studienkollegin einen neuen Podcast starten und sich im Bereich Journalismus für Kinder weiterentwickeln. 

Lehrerin bei Tag, Träumerin bei Nacht

Heute kennt man Anne Aschenbrenner als Digialisierungsexpertin des Burgtheaters und Lehrende für Social Media und Journalismus an der FH Wien, doch das war nicht immer so. Obwohl der Wunsch mit Journalismus Geld zu verdienen eigentlich immer schon da war. Anne Aschenbrenner stammt aus einer Arbeiter:innenfamilie. Seitdem sie lesen konnte, hat sie sich nichts mehr gewünscht, als selbst Geschichten schreiben zu können. Sie wurde schon jung Mutter zweier Kinder, fing dennoch ein Germanistik- und Italienisch-Studium an – der Kinder wegen Lehramt, schien das doch ein sicherer Beruf. Tagsüber hatte sie ihre Kinder versorgt und gearbeitet, nachts verschlang sie Bücher, schrieb Geschichten und träumte vom Journalismus. Jahrelang.

Obwohl sie durch einen Sondervertrag schon während ihres Studiums als Lehrerin tätig war, verfolgte sie beharrlich ihre journalistische Laufbahn, schrieb Theaterkritiken, baute sich Kontakte innerhalb der Branche auf und sammelte erste Erfahrungen als Kulturjournalistin. Doch der Leidensdruck wuchs mit der Zeit: „Ich habe gern unterrichtet, aber es war nie mein Leben“, so Anne.

Sobald ihre Kinder älter wurden, kündigte sie ihren Job in der Schule, begann einen 15-Stunden Nebenjob und schrieb im Feuilleton. Obwohl ihre Situation um einiges prekärer war als zuvor, schien alles einfacher. Endlich hatte Anne das Gefühl, angekommen zu sein. Bald konnte sie ihren Brotjob kündigen und wurde in ihrer Redaktion fix angestellt. 2017 übernahm sie die Projektleitung für Digitalisierung bei dem österreichischen Wochenmagazin Die Furche.

Journalismus muss man sich leisten können

Als richtige Quereinsteigerin würde sich Anne jedoch trotzdem nicht bezeichnen. Sie ist eine Trotzdem-Einsteigerin. Weil sie es schon immer wollte, schaffte sie es auch über die Umwege in den Journalismus. In der Lebenswelt, in der sie aufwuchs war es schlichtweg undenkbar jemals vom Schreiben leben zu können. Dass sie auf Praktika, die in der Medienbranche durchwegs schlecht oder gar nicht bezahlt werden, verzichten musste,- „als Alleinerziehende kann man sich das einfach nicht leisten“  – tut ihr heute nicht leid: „Ich musste mir viel selbst erarbeiten, bin dafür dann aber auch gleich sehr weit vorne eingestiegen“. Außerdem lehrt die Journalistin an der FH für Journalismus und gibt ihr Wissen an Studierende weiter. Das Unterrichten macht ihr sehr viel Spaß, in der Schule möchte sie jedoch nie wieder arbeiten.

Obwohl Anne heute erfolgreiche Journalistin ist, war ihr Weg nicht frei von Steinen. Doch vor allem das möchte sie anderen Quereinsteiger:innen mit auf den Weg geben: „Sich neue Welten zu erarbeiten ist nicht einfach, aber es geht. Beharrlichkeit ist wichtig. Und Menschen, die einen ermutigen. Auch Enttäuschung natürlich, aber vor allem Ermutigung. Und dafür bin ich sehr dankbar.“

Es gibt tausende Wege in den Journalismus. Die einen machen es klassisch mit Studium, Praktika und Co., die anderen finden erst später und über Umwege ihren Platz in der Medienwelt. Doch letztendlich ist das Einzige, was zählt das gemeinsame Ziel: der Journalismus.