Du sitzt am Schreibtisch deines ersten Praktikums, Kaffee zu deiner linken, Notizblock zu deiner rechten, eiserner Willen in deiner seelischen Mitte. Jetzt geht’s los. Du siehst dich schon einen Journalistenpreis entgegennehmen: Du hältst eine Rede über Integrität, die Crème de la Crème des Journalismus jubelt dir zu, deine Mutter sitzt im Publikum und weint. Plötzlich reißt dich deine Ressortleiterin aus deinen feuchten Tagträumen: „Hey, kannst du mal bitte diese APA-Meldung bisschen umtippen?“

Die meisten von uns steigen in den Journalismus mit riiiiesigen Erwartungen ein. Und das ist auch gut so, denn jede Branche braucht Leute, die träumen und Großes erreichen wollen. Und ein übergeordnetes Ziel muss man wahrscheinlich haben, sonst hält man diesen Wahnsinn nicht durch. Aber Journalismus ist ein recht hartes Pflaster und manchmal holt dich die Realität auf den Boden der Tatsachen zurück. Hier ein paar der üblichen Erwartungen und ihre Realitäts-Pendants. Journalismus: Expectations vs. Reality.

1. Ich werde die Welt verändern.

Du wirst auf jeden Fall etwas bewegen. Es gibt immer jemanden, der genau mit deinen Worten resoniert. Oft sind es aber kleine Veränderungen: Jemand musste bei deinen Worten schmunzeln und taggt seine Freunde, du bekommst einen Leserbrief (Mail. 21. Jahrhundert.) oder Leute sprechen dich mit „Hey, ich hab‘ deinen Artikel gelesen!“ auf einer Homeparty an. So weit, so leiwand.

Du willst aber Berge versetzen und manchmal schaffst du das auch. Das dauert aber meistens und ist sicher nicht bei jedem Beitrag so. Relativ oft kannst du sogar das Gefühl haben, dass keine Sau deine Sachen liest. JournalistInnen haben regelmäßig Sinnkrisen: Hat das, was ich tue überhaupt einen Sinn? Es ist Part unseres Jobs, alles Mögliche und vor allem unsere Arbeit zu hinterfragen. Aber man muss sich nicht permanent unter Druck setzen: Nicht jeder deiner Beiträge muss Pulitzer-verdächtig sein. Bleib‘ dran und du wirst schon noch Einfluss nehmen.

2. Diese Story verschafft mir den Durchbruch.

Knüpfen wir gleich mal oben an. Manchmal glaubt man, an etwas dran zu sein und den Vogel abzuschießen. Wenn das nicht eintritt, ist die Enttäuschung enorm. Aber mal angenommen du schaffst diesen Riesensprung und das ganze Land, nein der gesamte deutschsprachige Raum spricht über deinen Artikel, Armin Wolf teilt ihn auf Twitter und du brauchst ein neues Regal, um deine Journalistenpreise zu stapeln. Das ist großartig und du kannst so stolz auf dich sein. Jetzt musst du aber dranbleiben. Denn Leute vergessen wahnsinnig schnell und auch dieses Höhegefühl geht vorüber. Das soll dich nicht runterziehen, sondern eher das obige relativieren. Wenn du down bist, weil du noch kein Star bist, denk dran, dass eine einzige Bombenstory dich auch nicht dauerhaft zufrieden macht.

By the way: Würde euch interessieren, mit welchen Arbeiten die Journalismus-Elite berühmt geworden ist? Schreibt in die Kommentare, wessen Durchbruch euch interessiert!

Übrigens: Es ist auch nicht schlimm, nicht berühmt zu sein. Es gibt Leute, die Twitter-Stars sind, im Rampenlicht stehen und denen metaphorische Höschen auf die Bühne geworfen werden. Es gibt aber auch jene, die ihre Arbeit im Hintergrund erledigen oder alles zusammenhalten. Ich stehe als Chefin vom Dienst nicht oft im Rampenlicht, sorge aber dafür, dass alle das haben, was sie brauchen, um ihre Geschichten bestmöglich bringen zu können. Und das muss auch jemand machen.

3. Ich werde die ganze Zeit nur schreiben.

Du wirst vor allem viel lesen. Extrem viel recherchieren, Interviews führen und Infos aufarbeiten- der Part des wirklichen Schreibens ist vergleichsweise kurz. Kommt natürlich auch darauf an, was deine Nische ist. Für einen Kommentar oder eine Kolumne ist der Akt des Schreibens das Wesentliche und erfordert weniger Vorarbeit. Für einen Artikel ist die Recherche-Phase sehr intensiv, dafür schreiben sich deine ausführlich kuratierten Infos fast von selbst.

4. Ich bin komplett unabhängig.

Meh. Also natürlich ist Unabhängigkeit zum Glück eines der größten Ideale des Journalismus. Tatsache ist aber, dass du dich immer an jemandem richten muss: an der Chefredaktion, der Blattlinie, der Zielgruppe – deshalb ist es sehr wichtig, dass du dich mit dem Medium identifizieren kannst und diese Vorgaben auch wahrhaftig vertrittst. Denn dein Name steht unter jedem Wort, das du dort veröffentlichst.

5. Ich werde nichts verdienen, aber das ist es mir wert.

Nur durch Journalismus reich werden ist unwahrscheinlich. Probleme wie zu niedrige Honorare oder gar unbezahlte Praktika verdienen aber mindestens einen eigenen, wenn nicht mehrere Beiträge. Aber red‘ dir bitte nicht ein, dass du nichts verdienen wirst! Damit sendest du das Signal, dass deine Arbeit nichts wert ist und das stimmt nicht. Ich kann mich nicht erinnern, umsonst gearbeitet zu haben. Aber das besprechen wir ein anderes Mal. Es gibt viele Arten Geld zu verdienen, durch Schreiben, Moderieren, Transkribieren, Recherchieren, Assistieren – ganz viele „ierens“. Es gilt: Wenn du dir einredest, dass du nichts verdienst, wirst du vermutlich auch nichts verdienen. Und das geht nicht.

Was sagt ihr zu den einzelnen Punkten? Welche Erwartungen hattet ihr, bevor ihr den Sprung in den Mediendschungel gewagt habt? Wurden eure Erwartungen zerschmettert oder übertroffen? Schreibt es mir in die Kommentare oder per Mail an office@medien-geil.at